Henri Herz

Neben Sebastian Erard hat für die heute übliche Mechanik nur ein weiterer Klavierbauer immense Bedeutung, der Pariser Klaviervirtuose und später als Hersteller von Pianoforte und Pianos romantiques bekannte Henri Herz. Er erhielt als einziger Konkurrent von Pierre Erard die Konzession zur Nutzung und Modifikation der Erard Mechanik mit Doppelrepitition.

Henri Herz, eigentlich Heinrich, geboren am  2. Jan. 1806 in Wien und verstorben am  5. Jan. 1888 Paris studierte ab 1816 Klavier bei Pradher sowie die theoretischen Fächer bei Dourlen und Reicha am Pariser Conservatoire. Ruhm erwarb sich Herz zunächst als komponierender Virtuose, dessen stupende Fähigkeiten bereits anläßlich des von ihm errungenen »1er Prix« im »Cours d'Etudes« von 1818 bis nach Deutschland ausstrahlten: »... er ist ohnstreitig unter allen frühreifen musikalischen Genies ... derjenige junge Musiker, der neben einem bewundernswürdigen Mechanismus, in seinem Vortrage den reinsten Geschmack, den scharfsinnigsten Geist und das tiefste Gemüth verräth.« (AmZ, 1819, S.144*) Wurde die Qualität seiner Kompositionen, insbesondere jene seiner Variationen, Fantasien etc. über fremde Themen, kontrovers diskutiert, so erfreute sich der Klaviervirtuose auch international hoher Wertschätzung: ausgedehnte Konzertreisen führten ihn in den 1830er und 1840er Jahren durch Europa, Rußland und 1845 bis 1851 durch Nord- und Südamerika.
Gerichtsverfahren und Duelle taten ein übriges, um Herz als schillernde Skandalfigur zu Ruhm zu tragen.
Der Wahlpariser übernahm 1842 als Klavierprofessor die Betreuung einer Frauenklasse am Conservatoire, ein Amt, das er ab 1874 als Honorarprofessor fortsetzte. Seine pädagogischen Erfolge und der instruktive Charakter seiner Kompositionen wurden auch von denen nicht geleugnet, die Herz als Künstler bedeutungslos fanden. So schätzte Wieck an Herz' »rein claviermäßigen Stücken« (T. Mäkelä u. Chr. Kammertöns, Hrsg., Fr. Wiecks Clavier und Gesang und andere musikpädagogische Schriften, Hamburg 1998, S. 60), daß »sie keinen weiteren musikalischen Werth beanspruchen und daher die Darstellung, die Ausführung das Hauptsächlichste dabei thun muß.« (ebd. S. 162); und Chopin lobte u.a. Herz' Schüler als »virtuoses accomplis« (Fr. Chopin,Correspondance, Br. E. Sydow, Hrsg., Bd. 2, Paris 1981, S. 84).
Exemplarisch mag hier für Herz' Schaffen zu ersehen sein, wie der Komponist quasi unterhalb des persönlichen und generell des professionellen Standards der Zeit die wohlverstandenen Interessen der präzise eingeschätzten potentiellen Interessenten optimal bedient: Der musikalische Dilettant erhält ein Werk, das für ihn zu bewältigen ist, und darf sich gleichzeitig schmeicheln, im Olymp der Pianistik angelangt zu sein. Bekannt wurde der Pädagoge auch durch seinen 1836 patentierten Fingertrainer 'Dactylion'.
Als Klavierbauer ab 1825 zunächst als Teilhaber, von 1839 an mit eigenem Betrieb erwarb Herz sich bleibenden Ruhm durch die bis heute letzte substantielle Verbesserung der Erardschen Klaviermechanik: Mitte des Jahrhunderts modifizierte er das Erardsche doppelte Auslösen „double-échappement“ durch eine nach ihm benannte Repetierfeder.
Die Veränderung bestand vor allem darin, die Repititionsfeder etwas leichter der Regulation zugänglich zu machen durch ein bis heute gebräuchliches Madenschräubchen auf dem Hebeglied. Gleichzeitig adaptierte Herz, welcher wie Erard nur Geradsaiter baute, vom großen inzwischen fast erfolgreicheren Kollegen Erards, Pleyel, einige klangliche Züge wie das Freischneiden des Resonanzbodens von der Basszarge, eine stabilisierende Rippe wird statt dessen oben auf dem Resonanzboden geführt.

Wurden seine Instrumente anfänglich als wenig klangschön und als unausgeglichen kritisiert, so schloß die Reputation seiner zur Jahrhundertmitte auf 13 Modelle angewachsenen Produktion bei der Pariser Weltausstellung von 1855 zu den großen der Branche, Erard und Pleyel, auf . Alle drei wurden mit der »Médaille d`honneur« für »Pianos d'une sonorité très-remarquable« geehrt; Herz' Pariser Klavierwerkstätten in der Rue de la Victoire war die Salle Herz angeschlossen, ein gerühmter Konzertsaal von 400 Plätzen.

Trotz außergewöhnlicher Klagschönheit und einer massiven Konstruktionsweise, die für den romantischen Hammerflügel einzigartig sein dürften, sind sehr wenige Herz-Flügel erhalten geblieb. Der im Salon befindliche ist ein vollständig original erhaltener Salonflügel mit zwei Metern Länge mit dem originalen Saiten und Hammerkopfsatz aus dem Jahre 1859.